Reportage
SuedLink-Teilabschnitt, Thüringen 09|2026

Spülbohrungen im Zeichen der Energiewende

Das Projekt «SuedLink» mit erwarteten Gesamtkosten von 10 – 13 Milliarden € steht für eines der aktuell wichtigsten Infrastrukturvorhaben der deutschen Energiewende: den Bau einer rund 700km langen Gleichstromleitung quer durch Deutschland, um den Transport des im Norden produzierten Windkraftstromes in die verbrauchsstarken Regionen im Süden zu ermöglichen. MARTY ist bei diesem Grossprojekt mit den zwei längsten und komplexesten Spülbohrungsquerungen im Bauabschnitt Thüringen beauftragt worden.

Die gewaltigen Ausmasse des Projekts lassen sich bereits mit freiem Auge an der breiten, durch Felder und Wiesen freigelegten Trasse erahnen. Um den Eingriff in den Naturraum so gering wie möglich und damit auch die Akzeptanz in der Bevölkerung möglichst hoch zu halten, entschied man sich nämlich, den kompletten Leitungsbau in Form von Erdkabeln auszuführen. 90% davon im offenen Grabenbau, rund 10% in geschlossener Bauweise wie etwa mithilfe von Pressbohrungen, Mikrotunneln oder Horizontalspülbohrungen.

Hier im Bauabschnitt D1, LOS 5, nahe des Ortes Marksuhl, werden überwiegend im freien Grabungsbau insgesamt jeweils fünf Leerrohre nebeneinander verlegt. Für zwei bis auf die Start- und Zielgruben von aussen nicht sichtbare, bis zu einen Kilometer lange Querungen unterhalb eines Waldstücks und eines Flusses holte man sich mit MARTY erfahrene Experten aus der Schweiz an Bord.

«Die für diesen Abschnitt zuständige STRABAG ist auf uns zugekommen, weil die Geologie hier überwiegend felsig und nicht ganz einfach ist und sie dafür einen verlässlichen Partner mit viel Spülbohrungsexpertise gesucht haben», erinnert sich MARTY-Projektleiter Erik Weirather, wie die Kooperation im 530 km entfernten Thüringen zustande kam. «Ein absolutes Grossprojekt für uns, eine Art Meilenstein, dem natürlich auch viel logistische Arbeit vorausging – von den umfangreichen Zollabklärungen über die Arbeitsbewilligungen und den entsprechenden Regelungen bis zum Transport des kompletten Equipments.»

Zudem investierte man bei MARTY vorab auch noch in hochwertiges neues Inventar wie etwa neue Recycler, Zentrifugen, Mischanlagen sowie Stromkästen und Stromkabel. Um vor Ort eine technische Redundanz garantieren zu können, steht vor Ort neben den beiden bewährten und besonders leistungsstarken Spülbohranlagen HK 300T und Vermeer D220 zur Sicherheit noch eine dritte 160-Tonnen-Anlage zur Verfügung.

«Wir bohren hier ja nicht nur eine einzelne Leitung, sondern gleich fünf nebeneinander»

Erik Weirather

Im März 2026 war für MARTY Baustart in Thüringen, im Sommer 2027 sollte man mit den zwei umfangreichen Querungen fertig sein. «Wir bohren hier ja nicht nur eine einzelne Leitung, sondern gleich fünf nebeneinander», präzisiert Erik Weirather. «Vier von uns verlegte Leerrohre sind für Stromleitungen vorgesehen und daneben noch eines für ein Glasfaserkabel.» Keine gewöhnlichen Stromleitungen, sondern vier 525-kV-Leitungen, die in dieser hohen Spannungsebene bisher kaum verlegt worden sind. Zum Vergleich: Klassische Hochspannungsleitungen zur Versorgung von Städten oder dem Zugsverkehr werden meist als 110-kV-Leitungen angelegt.

Stromleitungen von solcher Dimension strahlen auch mehr Wärme ab. Daher müssen für einen störungsfreien Betrieb von Leitung zu Leitung auch zwischen 15 und 20 Meter Abstand eingehalten werden. Bei den Spülbohrungen selbst ist die Geologie die wesentlichste Herausforderung. Gerade bei felsigen Abschnitten mit grossen Zerklüftungen und Hohlräumen kommt es nämlich häufig zu sogenannten Ausbläsern, bei denen das im Bohrprozess eingesetzte Bentonit teilweise unkontrolliert an der Oberfläche austritt.

«Wir verwenden ausschliesslich natürliches und ungefährliches Bentonit ohne Zusätze, das so auch im Trinkwasserbrunnenbau eingesetzt wird. Dadurch können Umweltbeeinträchtigungen ausgeschlossen werden. Ein Austritt muss aber trotzdem unverzüglich gemeldet und die Bohrung sofort gestoppt werden, um die Verunreinigung an der Oberfläche zu beseitigen und den Rückfluss oder das Zurückpumpen von der Ausbläser-Stelle zur Startgrube zu veranlassen. Das sorgt natürlich für die ein oder andere Verzögerung, obwohl wir trotz der längsten Spülbohrungen in diesem Abschnitt weniger davon betroffen sind als andere Baufirmen», weiss Erik Weirather, der dies auch auf eine auf die Geologie bereits sehr gut abgestimmte Bohrspülung zurückführt.

Nicht zufällig ist daher das bisherige Feedback des Auftraggebers. «Wir bekommen eigentlich nur Lob zu hören und wie zufrieden man ist, wie professionell und sauber alles läuft», freut sich der MARTY-Projektleiter. Lob, das Erik Weirather allerdings auch gerne zurückgibt: «Bereits die geologischen Vorabklärungen waren von der Auftragsseite sehr detailliert und aufschlussreich. Und auch wenn die vielen, sehr strikten Auflagen, unzähligen Besprechungen und regelmässig zu erstellenden, umfangreichen Berichte und Protokolle etwas gewöhnungsbedürftig sind, läuft die Zusammenarbeit mit der STRABAG, für die wir als Subunternehmer hier tätig sind, einwandfrei. 

«Ich bin nach wie vor von den Ausmassen dieses Projekts beeindruckt – sowohl was dieses für die Energieversorgung generell bedeutet als auch für uns als Unternehmen.»

Erik Weirather

Auch dem eigenen Team streut Erik Weirather Rosen: «Wir haben hier insgesamt zwei Teams von vier bis sechs Bauarbeitern vor Ort, die sehr effizient und bestens eingespielt parallel an den beiden Querungen arbeiten. Die beiden Bohrmeister machen dabei einen tollen Job und regeln hier draussen vieles gleich direkt auf kurzem Wege, um den Bohrbetrieb ständig aufrecht zu erhalten.»

Seitens der MARTY-Projektleitung wurde im Vorfeld allerdings auch alles getan, um den Aufenthalt der eigenen Mitarbeiter in Deutschland so komfortabel wie möglich zu gestalten. Für die Dauer der Arbeiten mietete man nur wenige Minuten Fahrzeit von den Baustellen entfernt fast ein komplettes Apartmenthaus, in dem jeder sein eigenes komfortables Zimmer hat und der gesamte Wohnbereich einmal wöchentlich gereinigt wird. Zudem dauert die sehr intensive Arbeitswoche in Deutschland lediglich vier Tage: von Montag früh bis Donnerstag abends. «Und damit die langen Fahrten von oder nach Thüringen auch sicher, schnell und bequem ablaufen, haben wir für die beiden Arbeitstrupps diverse moderne Fahrzeuge mit allen Sicherheitsfeatures angeschafft», erzählt Erik Weirather.

Stand August 2026 konnte man mit dem Einzug von zwei Rohren bereits rund 20% der Arbeiten erfolgreich abschliessen. Gibt es von Projektleiter Erik Weirather so etwas wie ein erstes Zwischenresümee? «Ich bin nach wie vor von den Ausmassen dieses Projekts beeindruckt – sowohl was dieses für die Energieversorgung generell bedeutet als auch für uns als Unternehmen. Der Arbeitsumfang und die Bohrlängen, die da zusammenkommen, sind auch für MARTY alles andere als alltäglich. Und dass dabei alles noch so reibungslos und zur vollen Zufriedenheit des Auftraggebers klappt, macht einen schon auch ein Stück weit stolz.»

Zum Projekt

Suedlink, Teilprojekt Süd, Abschnitt D1, LOS 5

Bauherrschaft: TransnetBW GmbH
Auftraggeber: STRABAG AG
Projektleiter MARTY: Erik Weirather

Zeitliche Eckdaten:

  • Auftragserteilung: Juni 2025
  • Beginn MARTY-Arbeiten: März 2026
  • voraussichtlicher Abschluss der MARTY-Arbeiten: Sommer 2027
  • geplante Inbetriebnahme der SuedLink-Leitung (700 km Länge): Ende 2028

Umfang:

  • Querungen 35005 und 35007 (jeweils 5 parallele Spülbohrungen)
  • Bohrplatz 1 (Querung 35007): Bohrlängen 960 bis 990 m
  • Bohrplatz 2 (Querung 35005): Bohrlängen 780 bis 800 m
  • Querungstiefen: bis rund 35 m
  • Einzug von PE-Rohren (DN 280 bis DN 355 PN 25)

Geologie:

  • 90% Fels, 10% standfest/weich
  • Fels: Sandstein, mit vielen Klüften und Hohlräumen

Eingesetztes Inventar (u.a.):

  • Spülbohranlage HK 300T
  • Spülbohranlage Vermeer D220
  • diverse Recycler und Zentrifugen
  • Kreiselkompass für die Lagebestimmung während der Pilotbohrung

Weitere Einblicke

Reportage
Rückbau Wohnhaus, Quinten-Au 06|2026

Zu Wasser, zu Lande und in der Luft

Ein Rückbau an einem steilen und strassenlosen Uferabschnitt des Walensees erforderte im Frühjahr 2026 eine perfekte Planung und das reibungslose Zusammenspiel von Schiff, Schreitbagger und Helikopter mit dem Bautrupp vor Ort. Ein Auftrag wie geschaffen für Werner Marty sen., der solche Herausforderungen liebt und die nötige Erfahrung mitbringt.

Weiterlesen

Reportage
Spülbohrung, Chur 04|2025

Mit Kurt in Chur

Nein, dieser Bericht handelt nicht von einem Städtetrip nach Graubünden, sondern von einer fast 1’000 Meter langen Bohrung quer durch ein Bergmassiv. Hauptdarsteller war dabei «Kurt»: die mit 300 Tonnen Zugkraft grösste Spülbohranlage in der Schweiz, mit der MARTY dieses Projekt in Angriff nahm. Benannt nach einem Mitarbeiter, der sich im Unternehmen in Sachen Spülbohrvortrieb besonders grosse Verdienste erwarb.

Weiterlesen